Wallfahrtsort für Architekturfans

Reisen zu Böhm-Bauten und anderen Zeugen der Baugeschichte im neanderland

NEANDERLAND/KREIS METTMANN. Gottfried Böhm gilt als der bedeutendste Architekt Deutschlands: Seit dem 29. Januar ist im Kino ein Filmportrait über den inzwischen 95-Jährigen und seine Architektenfamilie zu sehen. Mit einem seiner bekanntesten Werke, dem Mariendom, hat er Velbert-Neviges zu einem Wallfahrtsort auch für Architekten gemacht. Doch nicht nur die faszinierenden Sakralbauten Böhms locken an Baukunst Interessierte ins neanderland. Die Region zwischen Düsseldorf, Essen und Wuppertal bietet auch eine Reihe weiterer Juwelen der Baugeschichte: vom Relikt aus Römerzeiten über malerische Fachwerkensemble bis zur funktionalen Fabrikhalle.

Mariendom NevigesVor allem seine scharfkantigen Konstruktionen haben Gottfried Böhm weltberühmt gemacht. 1986 wurde er als erster und bisher einziger Deutscher mit dem Pritzker-Preis, dem Nobelpreis für Architektur, ausgezeichnet. Herausragend im wahrsten Sinne des Worte ist die Wallfahrtskirche „Maria Königin des Friedens“ in Neviges, der größte moderne Sakralbau Europas: Der Dom ähnelt mehr einem großen Zelt als einer Kirche und ist komplett aus unverputztem Beton. Wie ein kristallenes Gebirge erstreckt er sich in den Himmel und zieht auch Nicht-Wallfahrer in seinen Bann. Kein Wunder also, dass das markante Gebäude das Plakat des aktuellen Films „Die Böhms – Architektur einer Familie“ ziert, der jetzt in den Kinos angelaufen ist. Noch ein weiterer Sakralbau Gottfried Böhms ist im neanderland zu bestaunen: Die Heilig Geist Kirche in Erkrath, 1969 bis 1971 auf einem dreieckigen Grundriss errichtet, ist ebenfalls ein markantes Betongebäude mit vielen Ecken und Winkeln, einem mehrfach abgestuften Dach und einem lichten Innenraum.

Architekturfans können im neanderland aber auch auf Zeitreise durch andere Epochen der Baugeschichte gehen: So sind im Römischen Museum Haus Bürgel in Monheim nicht nur restaurierte Relikte römischen Mauerwerks aus dem 4. Jahrhundert zu sehen. Besucher erhalten hier auch interessante Einblicke in die Bautechnik und Wehrarchitektur der Römer. Das Museum befindet sich auf dem Fundament eines ehemaligen Römerkastells, das zum Schutz der Rheingrenze gegen die Germanen errichtet, im Mittelalter zu einer Burganlage umgebaut und schließlich als Gutshof genutzt wurde. Ergänzt wird die Ausstellung durch einen Außenpfad, der den römischen Kastellmauern folgt.

Haan-Gruiten Dorf_c_Kreis Mettmann_ChardinAls Musterbeispiel mittelalterlicher Baukunst gilt der Stadtkern von Ratingen: In dem eindrucksvollen Ensemble aus Marktplatz, altem Bürgerhaus, frühgotischer Basilika und restaurierten Stadthäusern ist der Flair vergangener Zeiten zu erleben. Liebhaber der typisch niederbergischen Schiefer- und Fachwerkarchitektur kommen auch im historischen Dorf Gruiten sowie in den gut erhaltenen und denkmalgeschützten Ortskernen von Mettmann, Velbert-Langenberg, Velbert-Neviges und Wülfrath auf ihre Kosten.

Ein eindrucksvolles Zeugnis der Industriekultur ist die ehemalige Textilfabrik Cromford in Ratingen, die erste Fabrik auf dem europäischen Kontinent. Die mit Wasserkraft betriebene und vollmechanische Baumwollspinnerei wurde 1783/1784 errichtet und durch weitere Hallen und Werkstätten, Arbeiterwohnungen sowie ein repräsentatives spätbarockes Herrenhaus für die Kaufmannsfamilie ergänzt. Das Kernensemble der Baumwollspinnerei, die „Hohe Fabrik“, das Kontor und das Herrenhaus sind nach einer aufwändigen Restaurierung als Teil des LVR Industriemuseums Ratingen zu besichtigen; der Architekturgeschichte Cromfords ist eine eigene Themenführung gewidmet.

Neanderthal Museum_hinten_c_Stiftung Neanderthal MuseumAuch ein weiteres Museum im neanderland dürfte Architekturfreunden besonders ins Auge fallen: das Neanderthal Museum in Mettmann, das die großen Etappen der Menschheitsgeschichte inszeniert. Der ovale und vollständig geschlossene Betonkörper mit seiner abgehängten Fassade aus Japanglas wurde mehrfach ausgezeichnet. Eine spiralförmig aus der Erde steigende Rampe ist das zentrale Element des Baus, der 1996 unweit der Fundstelle des Neanderthalers entstand. Sie erstreckt sich über vier Ebenen mit den verschiedenen Ausstellungsbereichen, mündet schließlich in die einzige Fensterfront und weist damit wie die Evolution in die Unendlichkeit.

Weitere Informationen und Tipps finden Architekturfans im Internet unter www.neanderland.de.

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