Mythos Externsteine – Vom Kreuzabnahmerelief zur Erfindung einer germanischen Kultstätte

Externsteine © Landesverband Lippe/Ihle

Externsteine © Landesverband Lippe/Ihle

Wie wurden christliche Zeugnisse des Mittelalters in der Neuzeit neu interpretiert und instrumentalisiert? Eine Spurensuche an den Externsteinen gibt Auskunft und spannende Einblicke in die große Ausstellung „CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“, die vom 26. Juli bis 3. November 2013 in Paderborn zu sehen ist.

PADERBORN/HORN-BAD MEINBERG. „Wie aus einer christlichen Stätte des Mittelalters in der NS-Zeit eine pseudo-germanische Kultstätte wurde, lässt sich an kaum einem Monument besser aufzeigen, als an den Externsteinen“, sagt Dr. Andreas Neuwöhner, Kurator der dritten Ausstellungseinheit „Quo vadis“ der großen CREDO-Ausstellung in Paderborn. In der Städtischen Galerie am Abdinghof, die sich mit der neuzeitlichen Inanspruchnahme christlich-mittelalterlicher Zeugnisse beschäftigt, bildet die Geschichte der bis zu 40 Meter hohen Sandsteinformation im Teutoburger Wald einen Schwerpunkt in der Sektion „Völkisch-nationalsozialistische Rezeption der Christianisierung“.

Die Nationalsozialisten sahen in den Externsteinen eine bedeutende germanische Kultstätte und inszenierten hier aufwendige Propagandaveranstaltungen und Sonnenwendfeiern. Ausgangspunkt für diesen Kult war ein Detail auf dem mittelalterlichen Kreuzabnahmerelief – eines der bedeutendsten Werke der Romanik in Europa. Auf dem Relief steht Nikodemus, der Christus vom Kreuz abnimmt, auf einem ungewöhnlichen Gebilde, vermutlich einer umgeknickten Palme. Der völkische Laienforscher Wilhelm Teudt sah in den 1920er Jahren darin die zerstörte Irminsul – jenes vorchristliche sächsische Baumheiligtum, das der Überlieferung nach Karl der Große 772 im Kampf gegen die Sachsen zerstört hat. Das fehlgedeutete Bildmotiv diente Teudt als Argument dafür, den ursprünglichen Standort der sächsischen Irminsul an den Externsteinen zu lokalisieren. Kein geringerer als Karl selbst soll nach Teudt den Felskopf gesprengt, die bedeutende germanische Kultstätte entweiht und anschließend christianisiert haben.

Der Archäologe Julius Andree, der im Auftrag der SS-nahen Externsteine-Stiftung 1934/35 Ausgrabungen an den Externsteinen durchführte, lieferte methodisch nicht haltbare, willkürliche Befundinterpretationen im Sinne der Theorien Teudts. Dabei versuchte er sogar das „Standloch der Irminsul“ nachzuweisen. „Teudts Anliegen war der Nachweis einer germanischen Hochkultur, als deren Zentrum er die Externsteine betrachtete. Seine Theorien wurzelten ganz in seiner völkischen Weltanschauung und er stilisierte sich selbst zum genialischen, der Fachwissenschaft weit überlegenen Querdenker. Von esoterischen Externsteineforschern wird er bis heute als Visionär gefeiert“, erklärt Roland Linde, der als Historiker und Externsteinexperte maßgeblich an der Konzeption der Ausstellungssektion in der Städtischen Galerie beteiligt war. „Trotz der auch aus Sicht vieler damaliger Wissenschaftler nicht haltbaren Deutungen wurden die Externsteine ab 1935 vom SS-,Ahnenerbe‘ der Öffentlichkeit als germanische Kultstätte präsentiert. Völkische Laienforschung und ideologisierte Wissenschaft waren hier eine unselige Verbindung eingegangen“, so Linde weiter.

Die Geschichte der Externsteine und ihre Instrumentalisierung durch die Nationalsozialisten erwarten den Besucher im letzten Teil des CREDO-Rundgangs in der Städtischen Galerie. „Sie stehen exemplarisch für die Rezeption mittelalterlich-christlicher Stätten und Bilder in der Neuzeit, die in der Ausstellungseinheit in fünf Abteilungen – von der Herausbildung der Nationalstaaten bis in die Gegenwart –  thematisiert werden“, sagt Wolfgang Walter, Beigeordneter der Stadt Paderborn und einer der drei Geschäftsführer der CREDO-Ausstellungsgesellschaft.

Neben dem Kreuzabnahmerelief finden sich an den Externsteinen noch weitere Zeugnisse aus dem Mittelalter, die nach dem heutigen Kenntnisstand wahrscheinlich zwischen dem 10./11. und späten 12. Jahrhundert entstanden sind. Dazu zählen eine künstliche Grottenanlage, die Reste einer Petrusfigur, ein offenes Felsengrab und eine Höhenkammer mit Altarnische. Diese Anlagen wurden wahrscheinlich als Heilig-Grab-Ensemble, als Nachbildung der heiligen Stätten in Jerusalem, angelegt. „Die Externsteine sind voller Rätsel und in ihrer Faszination bis heute ungebrochen – das zeigen rund 500.000 Besucher, die jedes Jahr hierher kommen“, sagt Anke Peithmann, Verbandsvorsteherin des Landesverbandes Lippe. Um die spannende Natur- und Kulturgeschichte der bedeutenden Felsformation zu dokumentieren, wurde 2011 ein Informationszentrum vom Landesverband Lippe an den Externsteinen eröffnet, das u. a. auch auf die Instrumentalisierung der Externsteine durch die Nationalsozialisten eingeht. „Die kostenfreie Dauerausstellung vermittelt Fakten und Hintergründe auf aktuellem, wissenschaftlichem Stand. Dieses Informationsangebot nehmen die Besucher gern in Anspruch“, so Peithmann weiter.

„CREDO – Christianisierung Europas im Mittelalter“ wird vom 26. Juli bis 3. November 2013 im Erzbischöflichen Diözesanmuseum Paderborn, im Museum in der Kaiserpfalz und in der Städtischen Galerie am Abdinghof zu sehen sein. Die Ausstellung wird gemeinsam von der Stadt Paderborn, dem Erzbistum Paderborn und dem LWL realisiert und steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Joachim Gauck.

www.credo-ausstellung.de
www.externsteine-info.de

 

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